gespielte Stücke

April
7.
2014

Kaspar Häuser Meer

Am 27. und 30. April gastiert das Sensemble Theater mit seiner aktuellen Inszenierung "Kaspar Häuser Meer", in der auch Dörte Trauzeddel mitspielt, im Neuen Theater Burgau.
Anschließend Publikumsgespräch mit Mitarbeiterinnen des Jugendamtes Günzburg

Augsburger Allgemeine vom 7.04.2014

Gefangen im eigenen Idealismus

Drei Sozialarbeiterinnen hetzen durch ihren Arbeitsalltag. Felicia Zellers „Kaspar Häuser Mehr“ erzählt von deren Überforderung als soziale Krisenmanager Von Renate Baumiller



Sie laufen sich wund, sie rotieren, sie leisten und sie „müssen“, pausen- und atemlos, ohne Punkt und Komma, sind Gefangene ihres eigenen Idealismus, hetzen und hecheln täglich – am liebsten 24 Stunden nonstop.

Sie arbeiten die Fülle der „Fälle“ ab, sondieren die Risiken, sollen fehlerlos entscheiden über „brennende“ soziale Schieflagen und die „Kindeswohlgefährdung“, müssen Verantwortung zeigen, das Beste geben, so wie es der Job als Sozialarbeiterin von ihnen eben verlangt. Kein Wunder, dass es in diesem Wahnsinnsalltag „Ausfälle“ gibt, dass die berühmte Burnout-Rate mitsamt hinlänglich bekannter Symptomatik hier hoch ist.„Kaspar Häuser Meer“ nannte die Dramatikerin Felicia Zeller ihr im Jahr 2008 uraufgeführtes und preisgekröntes Stück, mit dem sie heute zu einer der meistgespielten deutschen Gegenwartsautorinnen des Theaters zählt. Das Thema Kindesmissbrauch und Verwahrlosung schildert sie dramatisch geschickt aus der Perspektive derjenigen, die von Amts wegen als soziale Krisenmanager zu schalten und dabei auch alles im PC akkurat und lückenlos zu verwalten haben, um sich damit juristisch abzusichern.

Nicht erst, seit es den „verzettelten“ Kollegen Björn erwischt hat, ertrinken die drei Sozialarbeiterinnen Anika (Dörte Trauzedel), Barbara (Claudia Schmidt) und Silvia (Daniela Nering) in den Fluten der Fälle. Bei dem permanent akuten Stresspegel, den die drei Frauen in ihren Bürokäfigzellen erleben, die sie rundum in Trab halten, laufen sämtliche gut gemeinte Coaching-Hilfen wie „Du musst dich einfach mal auf deine innere Parkbank setzen!“ lächerlich ins Leere. Das tragische Finale bleibt nahezu unausweichlich.

Mit Bravour gelang dem in jeder Sekunde präsenten Darstellerinnen-Trio nicht nur das individuell gefärbte Psychogramm der drei an ihre eigenen psychischen Grenzen getriebenen Frauen, sondern insbesondere die „Highspeed“-Format erfordernde Sprachakrobatik des Stücks, das eindringlich auf Stilmittel wie Wort- und Satzwiederholungen setzte. Regisseurin Gianna Formicone erwies sich einmal mehr als feinsinnige Expertin für zeitaktuelles, emotionales, thematisch brisantes Theater und brachte ihr Gespür für aussagekräftige, starke und metaphorisch wirksame (Bühnen)-Bilder zur Geltung. Ein wichtiger, überzeugender und lohnender Theaterabend, der auch beim Premierenpublikum auf intensive Begeisterung stieß und angeregten Austausch provozierte.

Weitere Bilder