Presse

Liebe, Lust und das Geschlecht einer Blume

Günzburger Zeitung

Burgau Drei Monologe. Trocken gesagt: Keine Feuchtgebiete. Farbpsychologisch hätte das erregende Rot über schwarzem Bühnenhintergrund auf eine Art – nun ja, bühnenwirksam verabreichte Hormonsubvention hindeuten können. Ebenso das blues-, beat- und breitwandgroovende Lustgefüge das Vollblutmusiker Mark Poppe aus Kehle und Klavier hämmerte. Und dann erst Yasemin Kont als Bedienmamsell im höchst appetitanregend knappen Outfit. Sommernachtssexfantasien in residence? Von wegen – alles Theater!

Die Kellnerin nämlich ist, gemäß der „Erzählung der Magd Zerline“ aus dem Altersroman des österreichischen, während der Nazizeit in die USA emigrierten, nobelpreisverdächtigen Schriftstellers Hermann Broch, eine Hausmagd. Besser gesagt, eine Hamletseele. Eine, die versucht, sich „Lust zu erschwindeln“. Eine Dienerin mehrerer Herren, geläutert durch die Erkenntnis: „Billig ist der Mensch“, und gestützt auf einen Text, der die Liebhaber unkompliziert konsumierbarer Erotikgeschichten gegen eine voyeurresistente Betonmauer rennen lässt.

Um aus dieser Konstellation ein ansprechendes Bühnenstück zu schaffen, bedarf es einer begnadeten Schauspielerin, befähigt zu abgründiger Gedankenklarheit und vibrierender Suggestivkraft. Yasemin Kont ist eine solche. Virtuos beherrscht sie jede Nuance auf der Palette ihrer schauspielerischen Mittel, legt eine Pianissimokultur der Ausdrucksfähigkeit an den Tag, die besticht und doch so unaufdringlich wirkt, dass sie – das ist die wahre Kunst – keiner merkt. Klasse!

Der junge Sven Clos nimmt’s leichter, körperlicher, greifbarer. Mit energiegeladenem Parlando steigt er ein in Bodo Kirchhoffs 1994 erschienenes Theaterstück „Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf“. Er wartet. Auf Andrea. Oder Andreas? Oder Godot? Oder weißgott wen! Jedenfalls ist es ein Profi der Entkleidungsbranche der kommen soll, um den „letzten klassischen Striptease auf deutschem Boden“ hinzulegen. Aber es kommt – niemand. Und was macht ein Ansager mit dem wartenden Publikum? Er belaberte es, nach allen Regeln der Kunst, die er eigentlich gar nicht beherrscht. Aber macht nix. Hauptsache er wirft den Leuten genug Futter vor die Füße. „Das Fernsehen ist der Totengräber der Erotik“. Passt! „Erotik ist eine Sache des Hirns, erst recht wenn es auf den Höhepunkt zu geht“ Gefressen!

Und immer wieder ankündigen. Immer ankündigen. Dann endlich erscheint – Marion Wessely, mit zerknittertem Blick, und viel zu früh, sie ist erst später dran, in einem anderen Stück. Ein gewitzter Einfall von Regisseurin Dörte Trauzeddel. Im Schweiße seines Einsatzes muss Sven Clos weiter ansagen, „gar nicht einfach, so lange reden zu müssen“, über schwule Unschwule und unschwule Schwule, über Liebe, Lust und die Frage „Wer findet schon das Geschlecht einer Blume heraus?“ Ein Schlamassel! Ergo: Selbstentkleidung. Seelenstrip bis auf die Unterhose. Und Mark am Klavier liefert den gesangspianistisch adäquaten Soundtrack.

Marion Wessely ist Angela Lipsky in Geraldine Arons „Meine tolle Scheidung“, eine Frau mittleren Alters – okay, 51 – von Ehemann Max verlassen und somit an das Leben in Freiheit verloren. Und jetzt? Mit sichtlichem Genuss versteht es die schauspielerische Allzweckwaffe Wessely, die höchst eigene Gefühlswelt hemmungslos gegen den Strich zu bürsten.

„Die ersten 50 Jahre im Leben einer Frau sind die schlimmsten!“ Na und? Hinein also ins postmenstruale Scheidungstraining mit Zielvorgabe: „Mich selbst zu lieben, bis dass der Tod mich scheidet“.

Na, dann vielleicht doch lieber Blind Date. Klappt. „Haare keine, aber Zähne eigene“. Trotzdem Fehlanzeige: Obwohl bereit und willig – die Pforte ließ sich nicht öffnen. Verschlossen für große Jungs. Dabei waren Sexshop, Vibrator und ein „Wales-Abenteuerwochenende“ noch gar nicht spruchreif. Mit spätemanzipatorischem Lifestyle-Chic und herzerfrischender Blasiertheit pendelt Marion Wessely in ihrer köstlichen Einfrauen-Show zwischen kessem rühr-mich-nicht-an-Lamento und männermanischer Gedankenblässe.

Alles in allem: Weder bunte Banalitätsrevue noch Weltschmerznahrung, sondern ein von Dörte Trauzeddel und Yasemin Kont unterhaltsam auf die Bühne gebrachter, großartiger Theaterabend, der an die Humorfähigkeit des Zuschauers gewisse Ansprüche stellt.

Autor: Helmut Kircher
Quelle: Günzburger Zeitung

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