Presse

Und Herz Und Mund Und Tat Und Leben

Augsburger Allgemeine

"Was ist der Sinn des Lebens? Hat es überhaupt einen? Oder müssen wir unserem Dasein, jeder für sich selbst, erst einen Sinn geben? Falls ja, wie kann das gelingen? Andererseits: Sind wir trotz allem Streben nicht letztlich zum Scheitern verdammt? Fragen, denen Dichter und Denker seit Jahrtausenden nachgehen. Unter ihnen die Dramatiker des Absurden Theaters. In einer ungewöhnlichen und deshalb umso bemerkenswerteren Inszenierung hat sich das Neue TheaterBurgauan ein absurdes Stück gewagt, das diesen Fragen nachspürt. Der Titel: „Und Herz und Mund und Tat und Leben“.

Die Premiere der Textcollage aus verschiedenen Werken prominenter Autoren des Absurden Theaters am Freitag im Kloster Wettenhausen war ein Abend, der zu Diskussion und
(Nach-)Denken anregte. Die Autoren des Absurden Theaters, allen voran Samuel Beckett, Eugene Ionesco und Fernando Arrabal, haben mit den Konventionen des traditionellen Theaters gebrochen. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Katastrophen des Zweiten Weltkriegs haben sie im Frankreich der frühen 1950er-Jahre ein Genre geschaffen, das keine Geschichten, keine durchgängige Handlung erzählt, sondern in mehr oder minder absurden und grotesken Szenen, Monologen und Dialogen Fragen stellt – vor einem pessimistischen, oft nihilistischen und endzeitlichen Hintergrund. Und vor einem atheistischen. Könnte es sein, dass es angesichts millionenfachen Mordens oder (scheinbar) religiös motivierter Kriege rund um den Globus gar keinen liebenden und allmächtigen Gott gibt? Antworten liefert das Stück nicht. Stattdessen Ironie: „Wenn der Mensch göttlichen Ursprungs ist, sind dann auch Schuhe himmlisch?“

In der ausverkauften Studierstube des Klosters Wettenhausen türmen sich haufenweise leere Plastikflaschen, dazwischen jede Menge Schuhe, ein Plattenspieler und ein Kassettenrekorder. Sie dienen als Sinnbild menschlichen Daseins. Vieles, so die Botschaft, im Leben ist hohl, dreht sich im Kreis, ist vergänglich und letztlich vergeblich. Absurd eben. Die Fragen des Absurden Theaters sind aktuell wie eh und je. Burnout, Doping am Arbeitsplatz, die endlose Hatz im Hamsterrad – sind sie der Sinn des Lebens? Das Warten auf einen Erlöser, Konsum und Karriere als Ersatz in Zeiten der Orientierungslosigkeit? Sind Macht und Rache süß?

Das Ensemble des Neuen Theaters Burgau liefert eine in jeder Hinsicht imponierende Leistung. Vera Hupfauer in der Figur der C ist die fleischgewordene Tragikomödie. Suchend und scheiternd irrt sie über die Bühne, das Lachen bleibt dem bisweilen ratlosen Betrachter im Halse stecken. Marion Wessely und Dörte Trauzettel geben überzeugend und ausdrucksstark die verlorenen, im Sinn- und Hilflosen gefangenen Individuen. Ein schauspielerisches Naturtalent ist Joshua Hupfauer, der als Pozzo Opfer und Täter in einem ist. Unter der Regie von Philipp J. Neumann ist dem Burgauer Theater eine bühnentechnisch minimalistische, gleichwohl pfiffige und einfallsreiche Inszenierung gelungen. Sie klingt mit Johann Sebastian Bachs Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ harmonisch und mit einem überraschenden Schlussbild aus. Lang anhaltender Beifall des Premierenpublikums war der verdiente Lohn. Das Absurde Theater ist nicht jedermanns Sache. Ein Besuch der weiteren Aufführungen lohnt aber allemal. Er ist ein spannendes Abenteuer, auf das man sich einlassen sollte, das inspiriert und zur Selbstreflexion anregt. Und zur Antwort auf die Frage zwingt: Was ist der Sinn meines eigenen Lebens?"

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